In manchen Nächten kann Klaus Gärtner* fliegen. Oder er greift durch Spiegel,
als wären sie aus Gelee. Und wenn er Lust hat, lässt er sich einfach einen
sechsten Finger an der linken Hand wachsen - "der fühlt sich dann ganz real an".
Träume sind für den Münchner Informatiker "ein interessantes Hobby". Das
Verblüffende dabei: Gärtner weiß während seiner nächtlichen Abenteuer, dass er
träumt.
Gärtner, 28, ist Klarträumer. Etwa jeder Zehnte erlebt bewusste
Momente im tiefsten Schlaf, schätzt der Psychophysiologe Stephen LaBerge von der
kalifornischen Stanford University. Unter den Psychologiestudenten des
Mannheimer Traumwissenschaftlers Michael Schredl gaben sogar 80 Prozent an,
schon einmal einen luziden Traum, so der Fachbegriff, gehabt zu haben.
In
der Schlafwissenschaft jedoch galten Berichte aus dem Niemandsland zwischen
Traum und klarem Bewusstsein lange Zeit als esoterischer Unfug. Erst Anfang der
achtziger Jahre gelang es LaBerge dann, Botschaften aus dem Reich der Träume zu
empfangen.
Der Forscher verabredete ein Signal mit seinen
Versuchspersonen im Schlaflabor: Sobald diese merkten, dass sie träumten,
sollten sie unter den geschlossenen Lidern die Augen je zweimal nach links und
rechts rollen. Die Bewegungen wurden vom Elektrookulogramm (EOG) registriert und
erschienen inmitten der ansonsten wirren Ausschläge als unverkennbares Signal.
Zugleich offenbarten Hirnströme und Muskeltonus, dass die Probanden tatsächlich
fest schliefen. Sie befanden sich allesamt in der REM-Schlafphase, in der sich
die meisten Träume abspielen.
Genau diese Phase will der Heidelberger
Sportwissenschaftler Daniel Erlacher, 30, bei seinem Probanden Gärtner
vermessen. Der liegt unter einer gelben Bettdecke im Schlaflabor; auf Stirn,
Kinn und Kopfhaut kleben Elektroden, um seinen Schlaf zu überwachen. Im
Nebenzimmer kann Erlacher Hirnströme, Augenbewegungen und Muskelaktivität seines
Testschläfers am Bildschirm verfolgen. Auch Puls und Atemfrequenz werden
aufgezeichnet.
Verglichen mit Gärtners üblichen Abenteuern, erscheint
allerdings dasjenige dieser Nacht einigermaßen öde: Der Computerexperte im
grün-blauen Streifenpyjama soll im Traum zehn Kniebeugen machen. Erlacher will
wissen, wie Gärtners realer Körper auf die eingebildete Leibesübung
reagiert.
Dass sich Gelerntes über Nacht verfestigen kann, gilt als
gesichert. Vor kurzem etwa wies der Lübecker Neurowissenschaftler Ullrich Wagner
nach, dass seine Probanden knifflige Aufgaben besser lösen konnten, wenn auf die
erste Beschäftigung mit den Aufgaben die erholsame Nachtruhe folgte. Wagner
führt diesen Effekt auf eine allgemeine Verstärkung von Gedächtniseindrücken im
Schlaf zurück.
Erlacher jedoch geht einen Schritt weiter: Übernimmt der
Träumende erst einmal selbst Regie im nächtlichen Hirnkino, dann, so
argumentiert der Forscher, müsste er auch ganz gezielt üben können. Immer wieder
sei er im Schlaflabor Klarträumern begegnet, die ihre Fähigkeit für ihren Job
einsetzten: die Webdesignerin zum Beispiel, die ihre Seiten im Klartraum
entwirft, oder der Programmierer von Computerspielen, der träumend neue
Charaktere ausprobiert.
Warum also, so Erlacher, sollten nicht auch
Fußballer ihre Dribbelkunst oder Golfer ihren Abschlag im Traum verfeinern
können? "Inzwischen ist gut belegt, dass Athleten ihre Leistung verbessern, wenn
sie sich eine Bewegung einfach nur vorstellen", erläutert er. Was seien
Klartraum-Übungen anderes als eine Fortentwicklung dieses mentalen
Trainings?
Tatsächlich feuern die Nervenzellen in der Großhirnrinde
während des mentalen Golfens gerade so, als schwinge der Übende wirklich den
Golfschläger - das Kommando wird nur nicht an Arm, Hand und Bein weitergeleitet.
Das neuronale Programm, das später bei der realen Bewegung abgerufen werden
muss, schleift sich also schon beim mentalen Training ein.
"Bei einer
rein gedanklichen Bewegung passiert das aber nur in einem sehr begrenzten
Bereich des Gehirns", erklärt Erlacher. Im Traum indes werde die neuronale
Übertragungskette erst kurz vor dem Rückenmark unterbrochen - viel später als im
Wachzustand. Im Traum, folgert Erlacher, kann das Sportlerhirn den Lernprozess
viel vollständiger durchlaufen, der Trainingseffekt müsste folglich deutlich
größer sein.
Berichte über Sportler, die in luziden Träumen an ihrer
Performance feilten, lieferte schon der 1998 verstorbene Frankfurter Psychologe
Paul Tholey. Er ließ Testschläfer im Klartraum Ski laufen oder turnen, alle
wussten später von Fortschritten auf Piste oder Barren zu berichten. Tholey
selbst brachte es zu Höchstleistungen auf Einrad und Skateboard. "Überschläge
mit Schraube oder mehrfache Salti", so der Hobby-Sportler, "übt man am besten im
Traum."
Wissenschaftlich stichhaltige Beweise für die Wirkung des
Traumtrainings blieb Tholey indes schuldig - die versucht Erlacher jetzt
nachzureichen. Seit Mitternacht sitzt er nun schon vor den Kurven von Gärtners
Hirnströmen und Körperfunktionen. In einem kleinen Fenster rechts unten auf
seinem Monitor kann er den Schlafenden sehen, eine Infrarotkamera überwacht das
finstere Labor.
Erst um fünf vor sieben, in Gärtners vierter REM-Phase,
zeigt das EOG das ersehnte Klartraum-Signal. Minuten später wacht der
Testschläfer auf und beteuert, exakt nach Plan seine Kniebeugen gemacht zu
haben. Wie bei vier weiteren Klarträumern aus Erlachers Versuchsreihe stiegen
Gärtners Puls und Atmung dabei signifikant an. "Das zeigt, dass die
Traumbelastung wirklich eine physiologische Reaktion auslöst", freut sich der
Sportwissenschaftler.
Schon früher hat Erlacher dokumentiert, dass bei
geträumten Handbewegungen eben jene Hirnareale aktiv werden, die diesen Vorgang
auch im Wachen steuern. Bis er jedoch Trainingseffekte nachweisen kann, dürfte
es dauern: Noch fehlt es ihm an klartraumfähigen Sportlern.
Auch auf
Erkenntnisse von Kollegen kann Erlacher kaum zurückgreifen. Nur ein einziges
Klartraum-Projekt läuft derzeit neben Erlachers Sportstudie: Die Wiener
Psychologin Brigitte Holzinger will mit Hilfe des luziden Träumens die Ängste
von alptraumgeplagten Patienten vertreiben: "Wenn die ihre Alpträume jederzeit
als irreal erkennen können, sind sie nicht mehr so bedrohlich", erklärt
sie.
Dass allerdings im noch jungen Forschungsfeld des Klartraums die
Grenze zur Esoterik fließend ist, das zeigt nichts deutlicher als der Fall des
Pioniers LaBerge: Er verdient mittlerweile Geld damit, selbsterfahrungswilligen
Kunden bei ihren ersten Klarträumen zu assistieren. Über sein Lucidity Institute
im kalifornischen Palo Alto vertreibt er allerlei Hilfsgeräte, etwa die
angeblich traumstimulierende Schlafbrille "Nova Dreamer". Den Teilnehmern seines
Workshops "Dreaming and Awakening" auf Hawaii verspricht er "mindestens einen
Klartraum" - neun Tage üben kosten 2000 Dollar, ein Nova Dreamer schlägt mit
zusätzlichen 395 Dollar zu Buche.
Erlacher dagegen lädt kostenlos ins
Traumlabor. Er ist froh um jeden Sportstudenten, der sich bei ihm meldet - wie
etwa der Basketballer Daniel Bukac, der im Traum seine Wurftechnik
perfektionieren möchte.
Zunächst allerdings musste Bukac feststellen,
dass selbst im Traum nicht alles möglich ist. "Ich wollte sofort etwas
ausprobieren, was ich sonst nicht kann", erzählt er. Beherzt ließ er seinen
Traumkörper zum Salto ansetzen - und krachte mit Schmackes auf den Rücken:
"Selbst im Schlaf habe ich gemerkt, dass das ziemlich wehtut."
Quelle: DER SPIEGEL 10/2004 - 01. März 2004
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